In der Advents- und Weihnachtszeit kommt mein Genießer immer voll auf seine Kosten. Er liebt beispielsweise diese großen Lebkuchen, die mit Vollmilch- oder Zartbitterschokolade überzogen sind und von denen es immer drei verschiedenen Formen in einer großen Packung gibt. Wenn der Kontrolletti nicht die Oberaufsicht über den Einkaufswagen führen würde, hätten wir diesen ausschließlich mit den Weihnachtsbäckereien gefüllt. Er mahnt den Einkaufszettel abzuarbeiten. Außerdem wird er nicht müde uns jedes Jahr aufs Neue daran zu erinnern, dass der Oberarzt der Entbindungsklinik beim Werbevortrag für SEINE Entbindungsstation hämisch mitteilte: „Meine Damen, bedenken Sie bitte beim ungehinderten Genuss der Weihnachtsleckereien, dass sich diese in Kilogramm umsetzen und Sie jedes Kilo, welches Sie sich aktuell zulegen, auch wieder rauspressen werden müssen.“
„Na danke“, meinte der Nörgler. „Damit kommt er jetzt daher!“ Der Genießer hämmerte bereits seit dem Sommer Pfannkuchen (für Nicht-Berliner: Krapfen, Auszogne, Berliner, usw.) in uns rein. Täglich ein bis zwei Stück. Die Warnung des Oberarztes traf uns Anfang Dezember. Suuuuper! Das Ergebnis lieferten wir der Welt damals im Februar ab. Riesig und gefühlt tonnenschwer. Der Kritiker findet die alte Leier zum Kotzen und wünscht sich den Tag herbei, an dem diese Geschichte endlich und endgültig! unter den Teppich gekehrt wird. Der Fürsorgliche eilt herbei, um den Kritiker zu beschwichtigen.
Der Zweifler arbeitet gegen den Fürsorglichen. Es könnte jederzeit wieder dazu kommen und man müsste besonders auf den Ernstfall vorbereitet sein. „Nein, nein“ erwidert der Fürsorgliche, denn seit langer Zeit schon würde bei uns alles nur noch in die Gummitüte kommen. Kein Grund zur Besorgnis also. Bevor sich der Zweifler wiederum aufbauen kann, mischen sich die Zähne ein. In einem unbeobachteten Moment hatten nämlich die Hände im Vorbeigehen noch die gebrannten Mandeln aus dem Regal geschnappt. Sie konnten diese unbemerkt am Kontrolletti vorbei in den Einkaufswagen schleusen. Da die Zähne bereits ganztägig mit Knirschen beschäftigt und ehrlich gesagt auch überfordert sind, lehnten sie sich nun gegen den Gebrauch der harten Mandeln auf. Immer wieder müssen sie sich zum Schutz die hässliche und unkomfortable Beißschiene überstreifen lassen, wie diese grauenhaften Weihnachtspullover in Amerika.
Der Fürsorgliche nimmt den Einwand der Zähne sehr ernst und beschließt den Verzehr der harten Mandeln in diesem Jahr auf das absolute Minimum zu reduzieren. Der Nörgler meint, dass sich aus der letzten Unterhaltung mit der Leber ergeben hätte, dass die Grand Manier- und Eierlikörpralinen toll sind. Damit die Leber allerdings richtig Spaß haben kann, sollten wir dieses Jahr nicht wieder so am Eierpunsch und Glühwein sparen. Ach so ja, Feuerzangenbowle bitte auch wieder und ordentlich Rum reinhauen! Den Hochprozentigen, will der Perfektionist, der erst Ruhe gibt, wenn das Sprachzentrum hernach vollständig ausgefallen ist.
Der Zielstrebige und der Antreiber sind längst fleißig am Organisieren. Der Ängstliche gibt zu bedenken, dass, wenn auch noch die Weihnachtsbraten usw. zu den Weihnachtssüßigkeiten dazu stoßen würden, es zu Einschränkungen in der Auswahl der vorhandenen Konfektionsgrößen im Kleiderschrank kommen könnte. Er hätte bereits die ersten Auswirkungen beim Bauch gesehen. Dieser hätte sich gerade erst mit drei Rettungsringen gebrüstet. Noch bevor sich ein anderer einschalten kann, johlt der Ironische: „Na das passt doch perfekt! Im Winter ist schließlich Walfangsaison. Wenn wir nicht harpuniert werden, schwimmen wir mit DEM Fettgehalt wenigstens todsicher oben!“
Der Einsame beginnt zu weinen. Er hat so etwas befürchtet. Angenommen, er muss mit dem Körperumfang einer Seekuh unterwegs sein, würde er dementsprechend bis zum nächsten Sommer garantiert alleine bleiben. Nichts mit Bikinifigur! Der Genießer denkt gar nicht erst an den Sommer und bleibt stattdessen in Gedanken im Frühjahr hängen. OSTERN, denkt er. Eierlikör, Ostereier… Die Leber klatscht. Durchweg beschäftigt zu sein ist schön. Die Lebensfreude findet diese Einigkeit herrlich. Genauso wie der Harmoniesuchende. Die Lebensfreude führt jene zwar auf den stetig steigenden Alkoholpegel dieser Tage zurück, ist dennoch ungebremst mit dem ganzen System unterwegs. Der Antreiber will unbedingt einen Weihnachtsmarkt besuchen, der Umsetzer schickt den Zielstrebigen in die Spur, einen zu finden.
Der Verstand wurde mal wieder bei der Entscheidung übergangen. Kaum angekommen, jammert der Nörgler los. Viel zu viele Leute schieben sich über den Markt. Ein heilloses Gedränge und Geschubse wie zu den besten Zeiten im inneren Körper. Alles so teuer. Man kommt kaum an einen Stand ran um zu schauen, doch der Genießer hat das Zepter in die Hand genommen!
Der Geruch von warmem Glühwein, gebrannten Mandeln, roten Äpfeln, Lebkuchen, Bratwurst und Schmalzbrot steigt uns in die Nase. Die Reizweiterleitung funktioniert perfekt, denn der Mund fängt bereits an zu sabbern. Offensichtlich gibt es mehr Glühweinstände als Stände mit Essbarem, denn die Lebensfreude steuert, außer Rand und Band, einen nach dem anderen an.
Der Fürsorgliche und der Harte geraten in einen Konkurrenzkampf. Während der Fürsorgliche zu mehr Verzehr von festen Speisen rät, fordert der Harte unerbittlich, den Wunsch der Leber, nach mehr Input zu erfüllen. Langsam bekommt der Perfektionist Schwierigkeiten die Glühweintassen gerade zu halten und gegen feindliches überschwappen zu sichern.
Der Kritiker gibt zu bedenken, Kosten zu reduzieren, indem man den Glühwein besser trinken sollte, als über die eigenen Klamotten und die, der anderen Besucher zu schütten. Der Harmoniesuchende ruft zur Vorsicht auf, da bereits einige Besucher durch unsere allzu freiwillige, jedoch unkontrollierte Abgabe von Glühwein an fremde Winterjacken – wer hat übrigens den Kontrolletti zuletzt gesehen? – missmutige Kommentare abgeben. Der Harte besteht auf weiterer Zufuhr diverser Alkoholika, der Kontrolletti ist unauffindbar und die Kreative hat momentan alle Hände voll zu tun, den schaukelnden Körper zum Ausgang des Weihnachtsmarktes zu manövrieren.
Nachdem die Leber den obersten Pegelstand angezeigt hat und sich trotz aller guten Vorsätze und Tatkraft außer Stande fühlt in diesem Tempo weiter zu arbeiten, beschließt der Fürsorgliche die Leerung des Körpers über den Zugangsweg, wobei der Ängstliche zu fürchten beginnt, dass die ganze Chose auf den eigenen Füßen landen könnte. Noch auf dem Heimweg will der Anerkennungsjunkie Lobeshymnen auf die Vielzahl der reingekippten Getränke hören. Doch das System stolpert einem Shutdown entgegen. Die Lebensfreude hat sich zurückgezogen und der Zweifler bezweifelt ernsthaft den Erfolg der Unternehmung.
Den Kontrolletti lassen alle lieber schlafen, bis sich das gesamte System wieder erholt hat. Er könnte sonst womöglich einen ähnlich schönen Ausflug im nächsten Jahr verhindern….
Frohes Fest!
