Langeweile

Das kennt bestimmt jeder von euch. An manchen Tagen ist man einfach pupig, wie wir sagen. Man kann es auch schlecht gelaunt nennen. An solchen Tagen ist nichts richtig von dem, was wir tun oder tun könnten. „Sie hat es immer noch nicht verstanden“, sagt der Kritiker. „Wir können doch sowieso nichts richtig“. Ich-bin-nicht-gut-genug pflichtet ihm bei: „Du hast recht, Kritiker, und wenn wir was machen, dann findet es niemand gut. Wie wir uns auch anstrengen!“ Das sind die Tage, an denen man selbst Löcher in die Luft starren, ätzend findet. „Jawoll, wehe da kommt dann auch noch jemand, der uns schräg von der Seite anquatscht. Der kann sein blaues Wunder erleben!“, raunzt der Aggressive, beginnt die Fäuste zu ballen und rein prophylaktisch mit einer Faust in die Innenfläche der anderen Hand zu boxen.

Hin und wieder verirrt sich jemand, trotzdem wir uns extra rotzig und unausgeglichen geben, in unseren Wirkungskreis und beginnt, uns gut gemeinte Ratschläge zu geben. Man muss auch mal Langeweile aushalten können, ist so ein Ratschlag. Der Harte ist sofort zur Stelle. Er beginnt nervös mit dem Fuß auf den Boden zu tippen und lässt die Augen Richtung Zimmerdecke schauen. Die unteren Augäpfel zeigen das pure Weiß. „Naja, das Weiß ist immer nur so weiß, wie die Leber es versteht, ihre Arbeit zu verrichten. Ansonsten hätten wir da mehr Gelb gesehen“, klugscheißert der Perfektionist. Der Harte beginnt mit der betont langsamen Aufrichtung des Oberkörpers. Der Aggressive ist gern behilflich und regt die Muskelstraffung im gesamten Körper an. Der Ratschlaggeber erkennt glücklicherweise die Gefahr und dreht ab. Nicht ohne den Ausruf: „Mann bist du heute wieder scheiße drauf!“ von sich zu geben. Dem Faulen geht diese Aufregung total gegen den Strich. Viel zu viel Arbeit für nichts und wieder nichts. Langeweile ist mega! Nichts tun, nur herumliegen, herumstehen, den Vögeln beim Fliegen zusehen, schauen wie die Katzen sich erst gegenseitig putzen und sich anschließend zusammenrollen und schlafen. Er könnte noch mehr aufzählen, was aber völlig gegen sein Naturell ist. Deshalb schickt er den Harmoniesuchenden in die Spur. Er soll den Ausgangszustand der Langeweile herstellen, damit der Körper sich entspannen kann. So kommt es, dass der Harmoniesuchende sich voll ins Zeug legt und uns zu einer Atemübung überredet. Widerwillig beginnen wir mit Einatmen, zwo, drei, vier – Ausatmen, fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn. Kurz bevor wir blau anlaufen, kehrt die Laaaaaangeweile zurück. Wir sind immer noch übellaunig. Lebensfreude und Kreativität haben sich schlafen gelegt. In dem Zustand wollen sie mit uns nichts zu tun haben. WIR haben keine Lust zu schlafen. Wir haben keine Lust zum Fernsehen, Radio hören. Internet surfen… Warum auch? Wird ja nur Müll gesendet. Haben nicht mal Lust, die sonst so coolen Moves unseres Alltagshelden  John anzusehen. NEIN, auch keinen anderen Film!! Keine Lust, was Schönes zu kochen. „Echt nicht?“, jammert der Genießer. „Nee, denn damit ist erst Schnippeln und danach Küche aufräumen verbunden. Geht schon im Normalmodus nicht und erst recht nicht bei Langeweile!“, gähnt der Faule. Wir liegen missmutig auf dem Sofa. Kriegen Nacken- und Kopfschmerzen. Langeweile und Gemütsverfassung potenzieren sich gefühlt minütlich.  Irgendein schlauer Kopf soll mal gesagt haben, dass man Langeweile nur aushalten kann, wenn man mit sich im Reinen ist. Nichts wichtig ist. Gedanken vorbei ziehen können. Innere Zufriedenheit herrscht. „Welcher Vollidiot sagt denn so einen Mist. Kann nur ein Volltrottel sein. Übrigens, wenn ihr auf mich gehört hättet“, gibt der Antreiber vollmundig von sich, „wäre es zu diesem Debakel niemals gekommen“. Wir haben noch drei Millionen Ecken in der Wohnung zu putzen, die Hunde müssen zum Gassigang raus, die Unterlagen für die Steuererklärung müssen zusammengesucht werden, das Mittagessen muss gekocht werden, die Sporteinheit muss noch abgehalten werden. Der Unmut aus der Langeweile richtet sich nun gegen den Antreiber. „Einen Scheiß müssen wir!“, ist der Nörgler außer sich. Langeweile ist sein Spezialgebiet. Sie ist bei uns leider nur sporadisch anzutreffen. Aus diesem Grund hat er lediglich begrenzte Möglichkeiten, in einem Fort rumzunörgeln. Das schmerzt ihn. Steht es ihm doch zu, während der Langeweile an allem ununterbrochen herumzunörgeln. Für alles, was jetzt in unsere Gedanken gerät, beginnt er das Yin und Yang aufzuzählen. Zu warm – zu kalt;  zu hart – zu weich; zu laut – zu leise; zu untätig – zu aufregend; usw. Der Antreiber mahnt ihn Durchzuhalten, genau wie der Zielstrebige, der ihn anfeuert. Der Fürsorgliche, der nun eine Überlastung des Systems befürchtet, bittet den Grübler, die Wenn und Aber dieser Welt zu begrübeln, um damit die anderen drei Grazien auszubremsen.  Der Genießer hat dem Grübler schon oft geholfen, die Probleme dieser Welt zu wälzen, indem er uns eine schöne Flasche Wein geöffnet hat. Da die Zeit des Tages es mittlerweile zulässt, nutzt der Genießer auch dieses Mal seinen Trick. Wir hocken uns erneut aufs Sofa und halten ein schönes Glas Wein in der Hand. Er lässt uns den Geruch prüfen. Wir riechen fruchtige Erdbeeren. Wir  begutachten die herrliche Farbe – ein wunderbares Rosé –   und zuletzt dürfen wir den ersten Schluck nehmen. Es prickelt leicht in unserem Mund, die fruchtige Flüssigkeit lässt uns das Wasser im Mund zusammenlaufen. Der Geschmack von Erdbeere verstärkt sich. Zufrieden lassen wir den Schluck Wein die Kehle herunterlaufen. „Da sag noch einer, dass Alkohol keine Probleme löst!“,  lässt der Ironische von sich hören. Der Fürsorgliche ist hin- und hergerissen. Er schüttelt den Kopf, denn als Problemlöser versteht er den Alkohol nicht, aber die drei anderen Insassen hat der Genießer damit ausgetrickst. Vor allem die schlechte Laune und die Langeweile sind fort. Denn zum Wein gehören ein Stück guter Käse sowie ein Brocken Brot. Alle reißen sich zusammen, um in die Küche zu stürzen und alle Zutaten für einen genussreichen Abend heranzutragen. Unser Freund John passt jetzt zwar nicht dazu aber vielleicht finden wir sogar noch etwas, das unsere Gedanken zerstreut. „Wie schade“, grämt sich der Grübler.