Der Kontrolletti

Er hat bei uns einen Vollzeitjob. Ist ein Manager, von den Fähigkeiten her. Von Anfang an dabei. Einer der ganz großen unter unseren Insassen. Ihr könnt ihn euch als Türsteher vorstellen. Nicht so einen ranzigen, sondern einen kultivierten. Schnieke.  Ein Kerl wie ein Baum. An dem kommt keiner vorbei. Im schlichten, aber immer sauberen, ordentlichen, einfarbigen Anzug (Dunkelblau, Anthrazitgrau, Schwarz) in perfekter Passform. Einfarbiges Hemd (Hellblau, Weiß). Businesslook. Keine Kettchen, Armbänder oder Golduhren, keine Ohrringe – kein Zuhälter-Style, sondern schlicht und sportlich. Figur und Outfit. Kurze Haare in Straßenköterblond, ungefärbt. Immer mit korrektem Haarschnitt. Kurz. Keine sonnenbankgebräunte Haut, sondern europäisch hell. Stahlblaue Augen. Durchdringend bis ins Mark. Jeder Blick sitzt und entlarvt das Gegenüber oder die Situation binnen Sekunden. Ist immer Herr der Lage, zu jeder Tageszeit, an jedem Ort. Er ist allgegenwärtig. Immer hat er das Heft und die Fäden in der Hand. Er riecht jeden Braten und sieht allen auf die Finger. ER hat die Hosen an! Sehr oft macht er anderen einen Strich durch die Rechnung. Sein Auftreten ist derart präsent, dass man sofort einen Schritt zurück macht, wenn ER auf einen zukommt. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser – das ist sein Motto.

Er kontrolliert den Einkaufszettel, den Einkaufswagen (das wisst ihr bereits), die anderen Insassen (logisch), die Mitmenschen außen (ach was!), den Haushalt, die Tiere, unsere Gefühle, unsere Lebensweise (ja, schon sehr, sehr lange), alles was wir tun (tja…), oder aus einem SEINER Gründe lieber nicht getan haben (allzu oft). Und ganz sicher noch einiges, was mir nur gerade nicht einfällt. Gern hätte ich ihn dahin gewünscht, wo der Pfeffer wächst. „Madagaskar?“, fragt die Neugierde. Viel hat er uns verbaut, weil er immer alles zuerst minutiös plant. „Wenn man mir früh genug Bescheid sagt, bin ich auch spontan!“, meckert er. Wie beim Schach denkt er etliche Züge voraus, um beim Hauch des Anzeichens einer Veränderung sofort Herr der Lage zu sein und reagieren zu können. Doch er hat uns auch oft gerettet und weitergebracht. So initiierte er beispielsweise ein morgendliches Abfrage-Ritual der Kinder. Wegen dieser rituellen Abfrage bei der morgendlichen Abfertigung an der Wohnungstür haben beispielsweise unsere Kinder nie ihre Schlüssel, Fahrkarten für die Öffis, Schulbrote, Trinkflaschen, Sportbeutel, Schwimmzeug, Hausaufgaben und was weiß der Geier noch vergessen. Immer hatte der Kontrolletti sein Klemmbrett in der Hand und hakte ab. So sind wir auch nie zu spät gekommen – sogar jedes Mal lange vor der Zeit eingetroffen. Egal wo es auch hinging. Außerdem waren wir immer voll ausgerüstet. Ob wir nun lediglich ins Büro fuhren, oder ob es mit Kind und Kegel* in den Urlaub ging. Es sah gewöhnlich eher nach einem Umzug aus, als nach einer Urlaubsreise. Der Kontrolletti hatte Wäsche für jeden erdenklichen Fall parat. Auch die Sportgeräte, Spielzeuge und vieles mehr. Ich bin ihm heute noch dankbar, dass wir keinen LKW mieten mussten, um wirklich auf ALLES vorbereitet zu sein. Auf der Arbeit habe ich mich mit ihm öfter mal gefetzt. Gewissenhafte Kontrolle erfordert Zeit. Die Kollegen sehen das als „die kommt nicht ausm Arsch, braucht wieder ewig, müssen wir schon wieder ihre Arbeit übernehmen.“ Wir denken nämlich auch rückwärts, querfeldein und von hinten nach vorne. Dadurch fallen uns Dinge auf, die andere gar nicht wahrnehmen. Das jedoch kostet Zeit und der Sinn ist nicht für alle feststellbar.

Obwohl wir ihn ja, wie gesagt, gern verwünscht hätten, so hat er doch auch sein Gutes. Was das sein soll? Er gab uns Sicherheit! Wie das denn? Gerade, wenn nichts planbar ist, chaotisch ist,  muss man spontan sein können. Doch das ist nichts für den Kontrolletti. Aus einer noch so kleinen Information macht er einen Tagesvortrag. Wir interessieren uns beispielshalber für einen modernen Kühlschrank. Die neue  Einteilung der Energieeffizienzklassen ist ab März 2021 gültig. Der tagesfüllende Vortrag des Kontrolletti besteht aus dem Vergleich der alten mit den neuen Klassen. Vorzüge, Nachteile, Übersichtlichkeit, Verständlichkeit für den Verbraucher, neue und alte Details an sich, und so weiter und so fort. Da haben wir uns bis jetzt nur mit den Eigenheiten der Energieeffizienzklassen beschäftigt. Es fehlen noch Ausstattung, Preis, Lieferung…

Oder er bildet Verhaltensketten. Was das ist – so eine Verhaltenskette? Naja, zum Beispiel: Der Gang zum Weihnachtsmarkt ist ausgeschrieben worden. Ihr erinnert Euch? Da gehen wir nicht so gerne hin, meint der Kontrolletti, weil wir weder uns (und noch einmal die Erinnerung an diesen miesen Weihnachtsmarktbesuch! – der Kontrolletti war abhandengekommen), noch die anderen Besucher des Marktes kontrollieren können. Zuerst Kontrolle des Hinweges (Verkehrsmittel, Mitreisende, Route, Zeitfaktor). Dann, ob die anderen Besucher auch ja genügend Abstand zu uns halten – wir hassen Gedränge und Geschiebe! Als nächstes, was wir konsumieren (fest und flüssig, „Mist!“, zischt der Genießer). Auch ob und was wir an nichtsnutzigem Zeug kaufen (wollen), „he!“, ruft die Kreativität. Für den Fall, dass uns Freunde mit zu diesem Markt geschleift haben, ob diese immer in der Nähe sind oder schon verloren gingen im dichten Gewimmel, und ebenso, was die so konsumieren (fest und flüssig). Und natürlich, ob und was diejenigen an nichtsnutzigem Zeug kaufen (wollen). Gibt es etwa Gaukler und Feuerspucker, von denen man sich gefahrentechnisch fernhalten muss? Vor allen Dingen nicht zu vergessen die Taschendiebe, die auf den Märkten unterwegs sind. Vor denen uns der Kontrolletti durch ewiges Festhalten der Handtasche beschützt. Und, wie sollte es anders sein, auch unsere Freunde, mit denen wir unterwegs sind. Gibt es Toiletten (eine für Frauen nicht ganz unerhebliche Frage)? Sind diese in ausreichender Menge und in erreichbarer Nähe zu finden? Sind sie sauber? Ist eine Nutzung bei Eintreffen auf dem Markt, während des Rundgangs und kurz vor Verlassen des Events gut realisierbar bzw. muss längere Wartezeit in Schlangen (ääääch, wieder ohne genügend Abstand) einkalkuliert werden? Es folgt der Heimweg in gleicher Manier des Hinweges (ich spare mir die Aufzählung). Also, DAS meinen wir mit einer Verhaltenskette.

Wie ihr nun erfahren habt, ist mein Kontrolletti Spitze in Vorträgen, Verhaltensketten und vielem mehr. So kontrolliert er auch, dass keiner meiner Insassen verloren geht und sich auch sonst möglichst regelkonform (wessen Regeln? – na klar, SEINE) verhält. Zumindest hier im Blog.

Er kontrollierte vom

  • Aufwachen (pünktlich, bitte schön) über
  • Bett machen,
  • sich waschen,
  • anziehen (was, wie, wie oft, usw.),
  • Tiere versorgen (was, wie viel, wann, mit oder ohne Medikamenten)
  • frühstücken (was, wann, wo, wie lange),
  • zur Arbeit fahren (Verkehrsmittel, Mitreisende, Route, Zeitfaktor),
  • arbeiten (was (welchen Teil des vorgegebenen Kontingents), wie viel davon, wie lange),
  • Mittagspause (wann, wo, wie lange, was gibt es zu essen und zu trinken, mit wem),
  • zweite Hälfte der Arbeit im gleichen Modus wie die erste Hälfte,
  • Feierabend,
  • Rückweg wie Hinweg plus Einkauf (was, wie viel, wofür, siehe Einkaufszettel! Und nur das!)
  • Abermals Tiere versorgen (was, wieviel, wann, mit oder ohne Medikamente),
  • Hausaufgaben mit den Kindern machen (haben sie alles an Aufgaben rausgerückt oder etwas unterschlagen), fertige Aufgaben nochmal kontrollieren, Schultaschen entmisten – neu packen für den folgenden Tag,
  • Mittagessen kochen (was, brauchen wir doppelte Menge und damit einen Rest für den morgigen Tag),
  • Abwasch (wer von euch übernimmt den denn heute mal – ich kontrolliere ja nur den Erfolg),
  • sonstige Haushaltsarbeiten (putzen, nähen, Balkonpflanzen versorgen, alles was hierzu noch auf Kontrollettis Klemmbrett steht),
  • Kinder zum Sport jagen (selbstverständlich erst nach erfolgter Taschenkontrolle auf Richtigkeit und Vollständigkeit der Sportklamotten und Getränke) und unter Hinweisen auf die Gefährlichkeit des Weges und dem Gebot der Beachtung aller Verkehrsregeln,
  • private Post erledigen,
  • wenn kein Kindersport dran ist – Treffen mit Eltern/Kindern aus der Kindergruppe auf dem Spielplatz oder im Haus der Familie, die eigenen Kinder vor den anderen schützen und umgekehrt,
  • kleines Abendessen für die Kinder herrichten,
  • Kinder ins Bett bringen mit Augenmerk auf die richtige Gute-Nacht-Geschichte zum Vorlesen, die richtige Geschichte per Hörspielkassette, das geliebte Lied zur Nacht. Selbstverständlich erst nach dem Ablauf des Abendrituals, welches der Kontrolletti peinlich genau überwacht: Entkleiden, Waschen, Zähneputzen, in den Schlafanzug hüpfen, ins Bett gehen, sich zudecken lassen, ich bin nicht müde, ich hab noch Durst, ich kann nicht einschlafen, das Licht soll an bleiben, sich heimlich nochmal rausschleichen und schauen was so läuft, erwischt werden, wieder ins Bett krabbeln, erneut zugedeckt werden, ermahnt werden endlich im Bett zu bleiben und zu schlafen, ich muss nochmal pinkeln, von neuem ins Bett kriechen, sich selbst zudecken,  die Augen zufallen sehen… ENDLICH!
  • sich vor den Fernseher setzen und zusammen mit dem Mann den Abendfilm schauen, vor dem Fernseher einschlafen innerhalb der ersten 10 Minuten, aber nicht der Kontrolletti, sondern wir anderen!
  • Geweckt werden und ins Bett umziehen. Eigenes Einschlafritual vollziehen. Kennt ihr das auch noch? Hinlegen, zudecken, Kissen richten, eine Kissenfalte im Rücken stört….
  • Nachtruhe, aber nicht für den Kontrolletti. Er ist nur in den Ruhemodus übergegangen. Überwacht im Hintergrund den eigenen Schlaf (nee, Fräulein, gepinkelt wird erst wieder morgen früh!) und den der Kinder (hoffentlich bleibt alles ruhig und ich muss nicht wieder mitten in der Nacht Kotze aufwischen, das Kind um- und das Bett neu beziehen).
  • Guten Morgen, Kontrolletti!

Und das ist nur ein Allerweltstag. Könnte schlimmer kommen. Doch seiner Kontrolle entkommt keiner.

Und da habe ich noch großes Glück, denn Kontrollettis können echt penetrant werden in ihrem Tun. So überwacht mein Kontrolletti, dass ich mir die Schuhe in der Reihenfolge erst links dann rechts anziehe und in der gleichen Reihenfolge die Schnürsenkel zubinde. Bitte auch schön fest zuziehen, es könnten womöglich sonst einfach die Schuhe von den Füßen rutschen! Wir tricksen ihn mittlerweile aus und kaufen unter anderem Schuhe mit Schnürsenkeln zum zuziehen und festklemmen.

Dass ich alles zähle, was ich beim Kochen in die Hand nehme, oder beim Kartoffelschälen jedes Stück Schale zähle, welches ich gerade herunterschäle – was das bringt? Kontrolle über das eigene Tun. Sinnvoll? Frag deinen Kontrolletti!

Wenn ein Kontrolletti nicht so moderat ist wie meiner, kann das zu manifesten  Zwängen führen, wie dem Waschzwang, bei dem man sich zum Beispiel ständig hintereinander die Hände waschen MUSS (behauptet jedenfalls der Kontrolletti). Sie sind nämlich bestimmt noch nicht sauber genug oder nicht porentief rein. Meist gefolgt von exzessivem Desinfizieren und/oder Eincremen. Oder Ekel vor Müll, keine Türklinken anfassen können usw. Da gibt es viele unschöne Variationen. Vielleicht kennt ihr die Fernsehserie „Monk“. Der Hauptdarsteller ist ein klassisches Beispiel für Zwänge.

So sieht übrigens MEIN Kontrolletti aus und verhält sich wie beschrieben. Er könnte für jemanden von euch da draußen ganz anders sein. Er könnte zum Beispiel ein Ausbilder von der Bundeswehr sein, für den nächsten wiederum wäre er vielleicht tatsächlich ein Manager einer großen Firma, ein Border Collie sogar oder ein Erdmännchen. Wer weiß. Ihr werdet schon wissen, in welcher Gestalt euer „Kontrolletti“ daher kommt.

Ihr habt jetzt vielleicht mitbekommen, dass der Kontrolletti sowohl hinderlich als auch nützlich sein kann. Daher lade ich euch ein zu überprüfen, ob er in eurem Leben auch zu viel Macht hat, so wie es bei mir der Fall war. Nun, er bestimmt immer noch viel, jedoch habe ich gelernt, mehr und mehr die Situationen auszusuchen, in denen er für uns tätig werden darf.

* Übrigens: Weißt du, dass „Kegel“ seit dem Mittelalter die Bezeichnung für ein nichteheliches Kind war? Ist heute Gott sei Dank in Vergessenheit geraten, wissen nur noch Deutschlehrer und Klugscheißer, und die nicht alle…, schreibt meine Lektorin Elisabeth. Unser Kontrolletti versichert hiermit ausdrücklich, dass wir nur mit Kind und ohne Kegel unterwegs waren!