Der Neid

Er ist schon sehr lange bei uns vertreten. Heutzutage ist er sehr viel weniger bis gar nicht gefragt. Deshalb habt ihr auch noch nichts weiter von ihm gehört. Damals aber, in Kindheit und Jugend, war er viel vertreten und wenig bekannt. Wenn wir an den Neid denken, dann fällt uns zuallererst der Gollum aus „Herr der Ringe“ ein. „Mein Schatz“, das sind äußerst treffende Worte für den Neid. Ebenso seine schmierige Art sich zu geben, sowie das zu begehren, was ihm nicht gehört. Heimtückisch versucht er sich das Ersehnte zu beschaffen. Seine Art ist nicht offen, sondern hintenherum. Dieser Charakterzug ist natürlich wenig beliebt, daher bleibt er oft im Verborgenen und agiert eher versteckt. Kein Mensch gibt ihn gerne zu oder redet offen über ihn. Sofern sich der Neid für etwas interessiert, das betrifft materielles als auch immaterielles absolut Unkäufliches (wie beispielsweise die Liebe oder auch Aufmerksamkeit) und niemals zu Erreichendes, wird er zunächst sein Interesse daran bekunden und dem Besitzer zustimmen, was für ein schönes „Etwas“ er doch besitzen würde. Wir würden selbstverständlich auch gern dieses „Etwas“ besitzen. Vielleicht bestünde ja die Möglichkeit, das Erwünschte zu bekommen? Nein? Wie bekomme er es trotzdem? Welches Mittel müsse er einsetzen, um zubekommen, was er will? Welches wäre das letzte Mittel, das er einsetzen würde? „Ich wüsste da schon was!“, unterstützt der Harte den Neid und grinst zumindest bei dem Gedanken daran, dass der Gollum den Hobbit, im Rätsel auf Leben und Tod, hätte besiegen können. Und da wird uns bewusst, dass der Neid genauso wenig alleine unterwegs ist wie die Trauer. Jeder der beiden schleppt noch andere Gefühle mit sich. Die Trauer hat sich euch ja bereits ein wenig vorgestellt, ohne zu wissen, dass ihr Auftritt hätte noch umfangreicher ausfallen können. Sie wird ihre Gelegenheit bestimmt noch einmal wahrnehmen. Der Neid schleppt Ärger und Wut sowie Traurigkeit mit sich. Die Traurigkeit entsteht, weil man etwas nicht besitzt, das man gern hätte. Ärger wiederum bricht hervor, weil es nicht angehen kann, dass der andere genau das besitzt, was ich gern hätte. Der Neid hat also mehrere Gesichter. Eines davon ist destruktiv und zieht etwa gern Schadenfreude, Hass, Denunziation, Verrat, Sabotage nach sich, die je nach Ausprägung für den Beneideten sogar gefährlich werden könnten. „Kaum hat mal einer ein bissel was, gleich gibt es welche, die ärgert das.“ – hat bereits Wilhelm Busch in „Maler Klecksel“ festgestellt.

Neidisch war ich damals auf die Puppe meiner Schwester. Wollte diese Puppe auch haben, denn meine war nicht so hübsch wie die meiner Schwester. Gab es nicht. Da hab ich sie kaputt gemacht – also die Puppe -, nicht die Schwester! Dann war die Puppe nichts mehr wert. Meine Schadenfreude war riesig. Ihr Ärger groß. Der Ärger, den ich bekam, war ebenso groß, aber mir egal. Ziel erreicht! Keiner hatte nun die hübsche Puppe. Das sind ja noch eher harmlose Formen des Neids. Auch wenn sich die Kinder im Hof gegenseitig um die schönste Murmel beneiden. Und sich darum kloppen oder um sie spielen, wobei der Verlierer unter Umständen im Nachhinein ein gerechtes Spiel anzweifeln und den „Schatz“ nicht rausrücken wird. „Genau mein Ding“, freut sich der Harte schon wieder. Er fühlt sich beim Neid scheinbar besonders gut aufgehoben. Heute kann ich das von außen betrachten und feststellen, dass ich einfach nicht ertragen habe, dass meine Schwester / oder auch jemand anderer etwas besaß, was ich nicht haben konnte. Da ging es um Besitz (wer viel hat, was anderen auch gefällt, ist angesehen, hat Aufmerksamkeit), um Macht (wenn ich viel besitze, kann ich mit dem Besitz handeln und immer mehr anhäufen), um Selbstwertsteigerung (habe ich viel – von dem, was anderen auch gefällt – bin ich angesehen und beliebt und hole mir meine Bestätigung des wenig vorhandenen Selbstwertes im „Außen“). „Ooooch,  beliebt sein ist so anstrengend“,  nöhlt der Nörgler. Immer muss man sich was Neues einfallen lassen, damit man den Bewunderern nicht langweilig wird. Der Kritiker dreht den Spieß um und behauptet: wer nichts besitzt, der ist nichts wert. Der Neid pflichtet ihm bei. Ist es doch praktisch, jemanden in dieser Form herabzuwürdigen. Als Kind hat man echt viele Möglichkeiten sich mit dem Neid auszuprobieren, ob es nun um die hübschere Puppe geht, die tollste Murmel, der geringe Bestand an besonderen Süßigkeiten, das interessanteste Kartenspiel….

Man muss auch mal wat jönne könne, heißt es. Dafür muss es mit dem Selbstwert allerdings vorher schon klappen, denn sonst wird dat nix. Der Neid hält nix vom Gönnen. Selbst später in der „Erwachsenenwelt“ treibt der Neid sein Unwesen. Geht es hier nur noch sinnbildlich um Murmeln, eher um Groschen, also Schotter, Kies, Moneten (lieber Antreiber, es ist jetzt nicht an der Zeit, möglichst viele Wörter für den gleichen Begriff zu liefern. Du bist ein anderes Mal dran). Also schlicht um Anerkennung und Fortkommen im Job. Während man dem Kollegen die Beförderung und damit die Gehaltserhöhung neidet, weil er ein Arsch ist, der über Leichen geht, kann man den Neid gegenüber der Kollegin, die eine Koryphäe in der Buchhaltung ist,  als Antrieb nehmen, um von ihr zu lernen.  Neid ist also nicht nur per se schlecht, sondern manchmal sogar Antrieb. Die Kreativität kann den Neid übrigens überhaupt nicht leiden! Sie geraten immer aneinander. Sie sagt immer: „Ich kann mich nicht entfalten, wenn du dein Unwesen treibst!“. Der Hinweis der Kreativität gilt nicht nur für die Kumpane im Inneren, sondern auch für Welt draußen. „Neid macht einsam“, sagt man, „und krank.“ Daher kommt sicher auch der Begriff „gelb und grün vor Neid werden“. Wenn ich an den Zusammenhang zwischen der Gelbsucht und der entsprechenden Färbung der Haut und der Augäpfel denke, die von der Leber initiiert wird, dann passt auch der Spruch: „Dir ist wohl eine Laus über die Leber gelaufen“ perfekt, denn wenn einem etwas nicht passt – und das ist ja beim Neid der Fall –, dann kann man  auch sogar mal gelb vor Neid werden. Grün wird man übrigens, wenn „einem die Galle übergeht“, klugscheißert der Anerkennungsjunkie dazwischen. „Das passt auch zum Neid“, sinniert der Realist, nämlich immer dann, wenn er erfolglose Beschaffungsversuche hinter sich gebracht hat. Und ganz ehrlich, wer will mit jemandem zu tun haben, der ständig neidisch ist? „Nee“, klagt der Anerkennungsjunkie, „hättet ihr mich mal gefragt, dann hätte ich euch gesagt, dass uns  ja nie genug Anerkennung zuteil wurde und wird. Kein Wunder, dass der Neid die uns gebührende Anerkennung einheimsen will.“

Der Sarkastische johlt, dass wir zweifelsohne immerzu von allem über alle Maßen bekommen würden, weswegen der Neid ja wohl nicht aufmucken müsste.

Ich-bin-nicht-gut-genug entgegnet, dass wir früher in unserer Individualität und mit unseren eigenen Fähigkeiten nicht anerkannt wurden. Die Kriterien der Wertschätzung waren für uns unerreichbar, deshalb sind wir dem Neid dankbar. Er hat auf uns aufmerksam gemacht. Neid ist die aufrichtigste Form der Anerkennung, sagt ein Sprichwort.

„Lass dir dein Strahlen nicht nehmen, nur weil dein Licht andere blendet“, das ist ein Satz, den unser Neid nicht gerne hören würde. Ich habe ihn mir mittlerweile gegen andere Neider zu Eigen gemacht.  

Ist Euer Neid aktiv, wenn der Nachbar ein neues Auto fährt oder der ungeliebte Kollege den begehrten Job bekommt? Vielleicht könnt Ihr Frieden schließen mit  eurem Neid, wenn ihr ihn nun etwas mehr beleuchten könnt?