Der Tee

– oder wie wir versuchten meinen Mann zu vergiften.

Zur Winterszeit koche ich meinem Mann jeden Morgen einen Tee, damit er unterwegs etwas Warmes zu trinken hat. Der Fürsorgliche ist immer ganz darauf bedacht, dass es nicht nur uns gut geht, sondern auch unseren Lieben.

Bei all unseren Aktionen ist die Mitwirkung einiger meiner Insassen vorgeschrieben. So ist, wie bereits erwähnt, der Fürsorgliche bemüht, unsere Liebsten zu umsorgen. Der Kontrolletti ist mit der Umsetzung beauftragt und der Kritiker beaufsichtigt deren Vorgehensweisen. Der Antreiber überwacht den Zeitrahmen, der immer sehr eng gesteckt ist. Zeit ist Geld, ist sein Motto. Der Kontrolletti lässt uns also eines Morgens mal wieder den Wasserkochen anstellen, um den Tee aufbrühen zu können. Bis es kocht, suchen wir den richtigen Teebeutel aus dem Schrank, hängen diesen in den Thermobecher und warten auf das Brodeln, sowie auf den anschließenden Piepton als Signal für den abgeschlossenen Kochvorgang. Auch diesmal ist der Kritiker mit dem Ablauf zufrieden. Ein seltener Fall. Der Antreiber hat auch nichts zu mäkeln, ist der Vorgang doch eingespielt und die Schnelligkeit des Wasserkochers von außen nicht beeinflussbar. „Selbstverständlich ist die Schnelligkeit des Wasserkochers steuerbar. Indem man die zu erwärmende Wassermenge verringert, reduziert sich die Zeit, die es braucht den Siedepunkt des Wassers zu erreichen“, sprach der Perfektionist, der sich seine Einmischung mal wieder nicht verkneifen kann. Er toppt den Kontrolletti immer, indem er dessen Ausführungen auf Schwachstellen untersucht und eine perfekte Verrichtung fordert. Weil wir den Wasserkocher immer schon am Abend befüllen, geht es morgens zügig voran. Wir müssen ja nur noch das Knöpfchen drücken und damit dem Wasserkocher den Startschuss erteilen.

Auch an diesem Morgen drücken wir das Knöpfchen und hören seinen Arbeitsbeginn. Zwischenzeitlich hat der Fürsorgliche zwei Teelöffel Zucker in den Thermobecher gehievt und den gewünschten Teebeutel hineingehängt. Schnell noch den Deckel drauf, denn der dünne Faden mit dem Papierschildchen dran ist ein schlüpfriges Scheisserchen, welches sich gern vom massigen Gewicht des Beutelinhaltes in die Tiefe des Thermobechers ziehen lässt. Mein Mann sagt dann immer, „Du brauchst den afghanischen Fingerbruchkurs, um durch die kleine Öffnung bis ganz nach unten zum Becherboden zu gelangen“, damit man den Beutel wieder zutage fördern kann. Warum wir ausgerechnet einen afghanischen Fingerbruchkurs brauchen, hat sich uns nie erschlossen und ist trotzdem unser geflügeltes Wort geblieben. Meine Kreativität benutzt in diesem Fall immer die schmale Zange des großen Plastikwarenherstellers. Gar kein Problem. Der Piepton beendet das Aufwallen des Wassers und wir gießen das heiße Nass in den Becher. Der Nörgler mischt sich ein. „Heiß“ wäre nicht die korrekte physikalische Bezeichnung für den Siedepunkt des Wassers, krittelt er. Der Perfektionist stimmt ihm zu. Die Lebensfreude grinst extra breit, weil sie sich an den Spruch meines Mannes erinnert, wenn er unseren Kindern physikalische Korrektheit vermittelte. „Heiß gibt es nicht, sondern nur warm. Heiß ist einzig Muttis Arsch!“ Hoppala! Zurück zum Becher, dessen Inhalt jetzt 5 Minuten ziehen muss. Dann darf der Fürsorgliche den Beutel entfernen. Ansonsten wird der Tee zu stark, bitter oder sonstwas. Wie jeden Morgen läuft alles nach Plan. Zeit rum, Beutel raus, Deckel zuschrauben. Kontrolletti prüft den Becher mittels umdrehen auf den Kopf, ob wir auch wirklich richtig zugeschraubt haben. Damit rettete er uns so manches Mal. Dann und wann war oben noch der Druckknopf offen und die ganz Soße lief raus. Heute war alles tutti. Wir stellen den Becher auf den Esstisch, damit er nicht vergessen wird, der Fürsorgliche und der Kontrolletti sind hierbei ein eingespieltes Team. Später verlassen Mann und Becher das Haus. Bei deren Rückkehr ernten wir ungläubige Blicke und müssen uns die Frage gefallen lassen, was wir heute für einen scheußlichen Tee gekocht hätten. Was? Wieso? Wir haben ihn wir jeden Morgen gekocht. Kein Unterschied. Ohh doch, kriegen wir zu hören. Der Tee hätte total beschissen geschmeckt. Eine ganz komische Kräutermischung hätten wir verwendet und auch noch extrem sauer! Hhmmmm. Wir sind fassungslos und sprachlos. Unser Hirn rattert. Wir hätten ihm bestimmt unseren komischen, grünen Tee mit Zitrone  gekocht, der „wie Knüppel uffn Kopp“ schmeckt. Nee, beteuert der Fürsorgliche, wir hätten den gleichen Tee wie jeden Morgen benutzt und zeigen die Verpackung. Riechen gemeinsam an einem Beutel. Alles gut, wie immer. Vielleicht war irrtümlich ausgerechnet ein Beutel mit einer falschen Teemischung befüllt, hilft uns die Kreativität aus der Patsche. Mein Mann kann das nicht glauben und schüttelt sich wieder und wieder ob der Erinnerung an diesen Tee. Ich hab ihn trotzdem getrunken, erstens, weil ich Durst hatte und zweitens, weil ich alles trinke, was mein Schatz mir mitgibt. Der Fürsorgliche fühlt sich gebauchpinselt, der Ironische erwacht jedoch und nimmt zumindest als Zuhörer an der Unterhaltung teil. Jederzeit bereit, sich zu beteiligen. Ich hatte mir am Vormittag eine zweite Tasse Kaffee gegönnt und mit Mandelmilch gepimpt. Einen Schluck heißes Wasser dazu, damit die Kälte der Mandelmilch nicht den ganzen Kaffee verkühlt. Das heiße Wasser aus dem Wasserkocher benutzt. Wundere mich, dass die Milch so krisselt. Ist zwar der Rest, kann aber doch noch nicht schlecht sein?! Vielleicht war das Wasser zu heiß für die kalte Milch (sorry Nörgler – ich vergaß – das Wasser war zu warm). Ich wundere mich weiter, aber lasse dann davon ab, als ich den ersten Schluck getrunken hatte. Die Milch war definitiv sauer! Der ganze Kaffee versaut. Kann ich nur noch wegschütten.

Mist. Der schöne Kaffee! Denke mir, dass der zweite Kaffee wohl nicht sein sollte und bitte das Universum, mir nächstens eine andere Erinnerung zu senden als ausgerechnet sauren Kaffee.

Will uns mittags noch einen Tee machen. Schokotee. Der ist lecker. Wasser ist noch im Wasserkocher. Nur anstellen und in der Zwischenzeit Teebeutel in die Tassen tun, Zucker drauf, heißes Wasser drauf (verdammt, Nörgler und Kontrolletti, ihr nervt mich mit heiß und warm!). Umrühren, ziehen. Beutel raus. Ein bisschen Milch dazu. Wundere mich. Der Tee war bereits ohne Milch so komisch hell. Jetzt, mit Milch, flockt dieser schon wieder. Schlecht kann sie nicht sein. Ist eine ganz neue Packung. Ich koste trotzdem vorsichtig und dann schießt mir mit der Säure auf der Zunge die Erkenntnis ins Hirn. Lieber Kontrolletti, kann es sein, dass du am Vortag den Wasserkocher mit Zitronensäure entkalkt hast? Ist es der Fall, dass du vergessen hast, nach dem Entkalken das saure Kalkwasser wegzuschütten und den Wasserkocher auszuspülen? Der Kritiker rekapituliert die Vorgänge des Vortages und pflaumt den Antreiber an, uns mit seiner Hetzerei von einer schnellen Erledigung zur nächsten gedrängt zu haben. Worüber nicht mal dem Kontrolletti und dem Kritiker aufgefallen ist, dass ein Arbeitsablauf unvollständig blieb. Nun erklärt sich der ausgefallene Geschmack des Tees, den wir meinem Mann mitgegeben hatten. Er war mit Entkalkungswasser zubereitet worden. „Lecker“, grient der Ironische. „Wollten wir den Alten etwa auch entkalken?“ Mein Mann würde ihm zustimmen. Er schüttelt sich nochmals und der Ausdruck des Ekels kriecht über sein Gesicht. „War das wieder einer deiner Anschläge auf mich als Aussicht auf meine Lebensversicherung?“ frotzelt er und reicht sich mit meinem Ironischen die Hand. Als Krimifreunde finden wir besonderen Gefallen an den kleinen, unscheinbaren haushaltsnahen Todesarten durch Unfall. Der Klassiker ist hier der tödliche Absturz von der Leiter beim Gardinenaufhängen in drei Metern Höhe einer Altbauwohnung. Den finden wir aber langweilig. Ich, also meine Mannschaft, geht da perfider vor. Wir stellen höchst kreativ (Danke für die immer neuen Einfälle, liebe Kreativität) abends unsere Hausschuhe vors Bett. In Laufrichtung Klo, denn mein Mann, der in bestem Alter ist, muss jede Nacht mindestens einmal raus. In schöner Regelmäßigkeit stolpert er nachts über unsere Schuhe, flucht leise, fällt aber nie. Sein Gleichgewichtssinn und der wenige Platz geben ihm Halt am Kleiderschrank. Versuch eins – gescheitert. Versuch zwei ist ähnlich gelagert. Lege unsere Wollsocken an die gleiche Stelle wie die Schuhe auf den Boden. Eigentlich nicht in den Laufweg. Doch unsere Katzen finden sie als Spielzeug und außerordentlich robuste Beute herrlich. Sie schießen unter die Socken, wirbeln sie in die Luft, wie sie es mit der Maus auch tun würden. Rennen im Affentempo davon. Die Socke bleibt im Laufweg liegen. Und es kommt, wie es kommen soll, mein Mann tritt mitten in der Nacht drauf, rutscht ein Stück, kann sich wieder fangen, flucht etwas lauter und beendet sein nächtliches Ritual. Natürlich wird er mir morgens einen neuerlichen Tötungsversuch unterstellen. „Pech gehabt“, meint er, „musst du dir was andres überlegen.“ Unser Running-Gag ist der schleichende Tod. Indem man den Kaffee für die Person, die aus dem Weg geräumt werden soll, mit dem Kalkwasser kocht, das beim Kochen von Frühstückseiern entsteht. Keine Ahnung, ob das funktioniert, aber die Vorstellung ist interessant. Er meint zu mir, dass ich wohl die auszuzahlende Lebensversicherungssumme bei Todesfall noch etwas in die Höhe treiben wollte, indem ich die schleichende Vergiftung durch Verkalkung mit Eierwasserkaffee noch ein klein wenig aufschiebe mit der zwischengeschobenen Entkalkung per „Zitronen-Kräuter-Tee“. „Gute Idee, schlechte Umsetzung“, konstatiert er „ genau wie bei den nächtlichen Versuchen im Schlafzimmer“. Mein Anerkennungsjunkie bewundert seinen Überlebensdrang, mit dem mein Mann immer wieder unseren zahlreichen Versuchen, ihm nach dem Leben zu trachten, entkommt. Der Ironische amüsiert sich königlich und lässt uns wissen, dass  wir zweifelsohne auf dem richtigen Weg sind. Wir üben halt noch. Unser Tag des Erfolges wird schon noch kommen!

Der Nachmittag ist bei uns immer mit einer Tasse Kaffee und einem Stück Schokolade zum Genießen ritualisiert. Der erste arbeitsreiche Teil des Tages ist abgeschlossen, und wir können uns dem „privaten“ Teil widmen. Ich mache uns den Kaffee und mein Mann fragt  mich, ob ich die Kaffeemaschine auch entkalkt hätte und ob er sich ebenso auf einen sauren Geschmack beim Kaffee einstellen sollte. Nein, hätte ich nicht, und die Milch als Indikator würde nicht geronnen sein. „Jetzt rechtfertigen wir uns schon“, wendet die Trauer ein. Sie meldet sich nur selten, da sie auch wach wird, müssen wir aufpassen, in welche Richtung das weitere Gespräch geht.

Mein Fürsorglicher ist beschämt über solche Verfehlung beim Teekochen, aber meine Lebensfreude ist zugleich belustigt. Wir müssen trotz allen Schuldbewusstseins kichern.

Am Abend gibt es Salat. Mit Balsamico-Dressing. Mein Mann sagt: „Da fehlt noch etwas Säure“, und setzt sein breitestes Grinsen auf. Mein Fürsorglicher kann die Schande nicht aushalten und verkriecht sich innen. Na toll, das wird uns jetzt bis in alle Ewigkeit anhängen und verfolgen!