Von irgendwoher drang das Wort Abschied ans Ohr. Die Weiterleitung an den Verstand funktioniert perfekt und zack war die Trauer auf dem Plan. Abschied – das ist eines ihrer ganz großen Themen. Sofort rief sie: „Hier! – ich bin hier!“
„Wer hat dich denn gerufen?“ fragte der Verstand. „Na, ich denke hier geht´s um Abschied?“ antwortet die Trauer. „Schon, das Ohr hat dieses Wort irgendwo aufgeschnappt, doch es betrifft uns gar nicht“, meint der Verstand. Die Trauer sieht das ganz anders, denn sie ist nicht gern gesehen und darf infolgedessen nicht so oft raus wie die anderen. Um nicht zu sagen – fast nie! Deshalb ningelt sie, dass sie jetzt auch mal vorne mit dabei sein will, ihre Chance nicht verpassen. „Aber wir brauchen dich doch gar nicht bei jedem Abschied“, sagt der Verstand. Die Trauer jammert, dass man ihr mal wieder die Show stehlen will, sie nie gehört, geschweige denn gefühlt werden will. Der Fürsorgliche stellt sich der Trauer zur Seite. Er pflichtet ihr bei. Sie würde so selten freigelassen, dass das Kontrollzentrum öfter mal unauffällig Druck ablassen muss, damit es nicht – bzw. bislang glücklicherweise nur – zu kleinen Verpuffungen kommt. Der Blutdruck hört nur Druck und fragt an, ob es für ihn etwas außer der Reihe zu tun gäbe. Nein. Er würde noch nicht gebraucht. Allerdings, wenn die Trauer noch länger eingesperrt bleibt…
Der Kritiker erwidert der Trauer, dass sie, wie gesagt, halt nicht bei jedem Abschied gebraucht würde. Wenn man das Shampoo vom Kopf verabschiedet, wird sie genau so wenig gebraucht, wie beim Abschied von den abgeschnittenen Fußnägeln oder gar dem Pipi, welches wir (hoffentlich alle) im Klo verabschieden. Die Trauer ist geknickt, mit welchen Lappalien ihr der Kritiker aufwartet.
Sie weiß ja selbst, dass sie bei vielen Abschieden nicht nötig ist. Wer trauert schon um das vergangene Jahr, den letzten Monat, die letzte Minute? Im Normalfall jedenfalls keiner.
Wir verabschieden ein ums andere Mal das Frühjahr, den Sommer, den Herbst und den Winter, meist ganz ohne Trauer. Die Trauer tritt von einem Fuß auf den anderen. Sie fühlt sich nicht gesehen und nicht gebraucht. Dabei hat sie so viel zu geben. Sie ist da, wenn das geliebte Kuscheltier beim Spaziergang verloren ging und nie wieder gefunden wird. Sie ist für uns da, wenn Freunde sich verabschieden, weil der Urlaub zu Ende – der Umzugstag da ist. Das ist das kleine Einmaleins der Trauer.
Das große setzt sie ein, wenn ein Familienmitglied, ein guter Freund, ein geliebtes Haustier stirbt. Dann kommt sie in Fahrt. Die Trauer kommt fast nie allein. Ihre Begleiter sind oft die Wut, die Verzweiflung, die Schuld, die Hoffnungslosigkeit, die Scham. Je nachdem, wen die Trauer im Schlepptau hat, darf der Körper vielseitig agieren. Wenn mit der Trauer die Wut anwesend ist, dann darf er viel schreien und brüllen, vielleicht etwas zerschmeißen? Auch wenn sie die Verzweiflung mitbringt, wird laut geklagt und der Körper geschüttelt. Und so ähnlich geht es auch, wenn die Schuld, die Hoffnungslosigkeit oder die Scham gegenwärtig sind. Fast immer sind die Tränen präsent, die heiß und salzig von den Augen über das Gesicht geschickt werden, ihre Spuren in den dann roten Augen hinterlassen und auf dem Gesicht die Salzränder. Wenn aber die Trauer mit der Stille kommt, alsdann ist sie gefährlich. Die Stille achtet sehr darauf, dass neben der Trauer in dem Fall keine anderen Begleiter anwesend sind und es sehr leise im Körper bleibt. Da gibt es kein Klagen, kein Toben, kein Weinen. Nur gefährliche Stille, die alle anderen Insassen anstiftet, Freunde abzuwehren, Hilfe abzulehnen. Die Lebensfreude und ihre Freunde werden ins Kellerverlies gesperrt. Der Einsame und der Harte dürfen ihr oft helfen.
Irgendwann hält es die Trauer nicht mehr aus und beginnt den Trost zu suchen. Der versteckt sich gerne. Wird ja auch selten gebraucht. Manchmal wird der Trost verwechselt, woraufhin der Körper Alkohol, Tabletten, viel oder zuwenig Essen oder ähnlich Schädliches bekommt. Bis die Trauer den Trost findet, kann es manchmal ganz schön lange dauern, denn die Suche ist beschwerlich. Das liegt an der wandelbaren Gestalt des Trostes. Kommt er in der Gestalt eines Bonbons daher oder als Brief? Wird er ein neues Haustier werden oder ein neuer Freund? Ihr seht schon das Dilemma. Ob er überhaupt gefunden werden kann und wann, das bestimmt allein die Trauer. Aber eines kann auch der Trost nicht, selbst wenn er rechtzeitig daher kommt. Auch er kann nicht die Zeit zurückdrehen. Aber der Fürsorgliche schafft es vielleicht in einer unbeobachteten Zeit, den Trost zu unterstützen. Dann ist es ihm vielleicht möglich, eine Kerze für den Trost anzuzünden, um Licht in die traurige Seele zu bringen oder einen Brief zu verbrennen, der die Wünsche, Sorgen und Abbitten mit der Asche in den Himmel trägt. Seine Entschuldigung oder Hoffnung auf ein Papierschiffchen setzen und den ewigen Wassern zur Reinigung zu übergeben.
Die Trauer hat zwei Lieblingsplätze im Körper. Manchmal sitzt sie wie ein dicker Buddha auf deiner Brust oder aber auf dem Bauch, wenn sie mit der Wut unterwegs ist. Sie versteht es, sich richtig schwer zu machen. Wenn sie mit der Schuld daher kommt, ist die eher ein Kloß im Hals oder schnürt ihn zu.
Die Trauer loslassen – kann man ganz schwer. Sie klammert. Weil sie nicht so oft raus darf – denn sie schmerzt, wenn sie da ist – will man sie nicht rauslassen. Doch sie will nicht zurück zu den Kellerkindern, denn sie weiß ja, dass es abermals lange dauert, bis sie erneut geholt wird. Deshalb braucht es sooooo lange, bis sie geht. Wenn wir sie öfter einladen würden, ihr sagen, dass sie sich nicht so schwer machen soll und sie dann willkommen wäre mit allem, was sie mitbringt. Wenn wir ihr einmal über den Kopf streicheln würden, ihr anerkennend zulächeln, ihr versichern, dass sie nicht wieder über Jahre tief drin versauert – ja, dann würde sie sicher viel schneller gehen und den Trost suchen.
Ich werde meine Insassen künftig dazu ermutigen, der Trauer ihren Raum zu geben. Dann sehen wir in Zukunft vielleicht viel schneller das Licht am Ende des Tunnels.
